Ranftweg

Von Glocken und Minaretten

 
Das Läuten christlicher Glocken am Morgen, Mittag und Abend erinnert daran, dass es die eine und selbe Mitte ist, die alle Religionen verbindet.
Als Franziskus im Herbst 1219 mitten in einem blutigen Kreuzzug zu einer Friedensmission nach Ägypten reist und dort Sultan al-Kâmil, den höchsten Herrscher aller Moslems, zum Freund gewinnt, stellt er staunend und beschämt zugleich fest: Moslems verehren Gott mitten im Alltag, halten fünfmal täglich in ihrem Tun inne und verneigen sich vor dem einen Gott, dem wir alles Gute verdanken. Zurück in Assisi schlägt Franziskus in einem Rundbrief an alle Machthaber vor, in jeder Kultur ein Gebetszeichen für das Volk einzuführen. Einmal am Tag - wenigstens einmal - sollen Menschen aufschauen und Gott preisen. "Lasst nicht zu", schreibt Franz an alle Menschen auf Erden, "dass ihr durch alltägliche Sorgen und alle Geschäfte, die euch beanspruchen, Gott vergesst und von seinem Weg abkommt!" und an die Regierenden: "Lasst Gottes Gegenwart in Eurem Volk alltäglich bewusst werden, indem ihr jeden Abend durch ein Zeichen alle aufruft, Gott dem Allerhöchsten Lob und Dank zu bringen" – wie die Moslems es durch ihre Muezzin (fünfmal täglich) tun!

Die Franziskaner nehmen den Impuls auf und führen das Angelusgebet am Abend, dann auch am Morgen und  am Mittag ein. Seit dem 16. Jahrhundert ist es offiziell ein Volksgebet der katholischen Kirche und erinnert dreimal am Tag an die Menschwerdung Gottes: an die Liebe des Himmels, die 33 Jahre "mit Leib und Seele" in unserer irdischen Welt leben wollte. Franziskus hat vom Islam gelernt, die Franziskaner von Franziskus und die Kirche von den Franziskanern. Und von wem hat Mohammad gelernt, der das fünfmalige Beten im Alltag zur heiligen Pflicht des Islam machte? Er übernahm es von christlichen Mönchen in Syrien: Sie lebten halb eremitisch in Grotten oder Hütten und liessen sich durch akustische Zeichen mehrmals am Tag zum gemeinsamen Gebet rufen. Mohammad hat das christliche Gebet syrischer Mönche zur Praxis des Volkes gemacht. Und vom wem lernten es die Mönche? Von der Urkirche, frühen Christinnen und Christen, die bei Sonnenaufgang, am Mittag und bei Tagesende beteten, ebenso vor dem Essen und vor jedem Bade (damit die Seele mit dem Leib gereinigt werde). Und vom wem lernte es die frühe Kirche? Aus der jüdischen Praxis! Im Psalmenbuch lesen wir: "Sieben Mal am Tag singe ich dein Lob" (Ps 119,164), und "mitten in der Nacht rufe ich zum Gott meines Lebens" (Ps 42,9).

lslamische Minarette - christliche Glocken - jüdische Psalmen: Zeichen und Früchte einer spirituellen Weisheit, die die grossen Weltreligionen im Tiefsten verbindet!


Schema zu christlichen Glocken - islamischen Minaretten -  - jüdischen Psalmen :   Angelus-Muezzin.pdf