Franz von Assisi in ARTE
Am Abend des 3. Oktober strahlte ARTE einen 1½-stündigen Beitrag über Franz von Assisi aus, der sehr sehenswert ist. Die Echos darauf sind breit gestreut. Einige fragen, wer die Fachleute sind, die zu diesem vielschichtigen Franziskusbild beitragen, und wie die Qualität des Beitrags insgesamt einzuschätzen ist. Dazu und mit dem Link der Sendung auch einige Hintergrundinfos – und Notizen zu vereinzelten Aussagen, die zu Recht Fragen aufwerfen.
«Franz von Assisi – Der Grenzgänger» entstand im Laufe des Frühsommers 2026 als Produktion des BR und als Werk des Wiener Dokumentarfilmers Stefan Ludwig (48). Der Beitrag beginnt mit den feierlich gesprochenen Worten: „Wenn es unter den christlichen Heiligen einen Popstar gibt, dann ist es wohl er, der Mann, der mit den Tieren spricht, der Sonne, Wind und Feuer Bruder und Schwester nennt, jemand, der ein einfaches, bedürfnisloses Leben verkörpert: Franz von Assisi, ein Sympathieträger bis heute! Doch da gibt es einen anderen Franziskus: der Grenzgänger, der soziale Tabus bricht, der mitten im Kreuzzug einfach über die Frontlinie geht... Kaum ein Mensch des Mittelalters wurde so viel beschrieben, so oft gemalt, immer wieder neu interpretiert – und vereinnahmt! Man kennt ihn. Aber, kennen wir in wirklich? Wer ist Franz von Assisi?
Die Antwort darauf sind starke Bilder von Orten, an denen Franziskus gelebt hat (Foto links: eine Drohnenaufnahme von San Damiano), Kunstwerke aus verschiedenen Jahrhunderten, animierte Fresken im Stil von Comics und eine Spurensuche, zu denen sowohl franziskanisch lebende Ordensleute und freelancers wie auch Forschende beitragen. Zu ersteren gehören Sr. Ina Vorel, eine sozial engagierte Vöcklabrucker Franziskanerin, deren Social Media Kanal 50‘000 followers aufweist, die franziskanische Missionsklarisse Sr. Angela Tauchen, die Führungen auf La Verna macht, der deutsche Minorit Br. Thomas Freidel als Pilgerseelsorger und Kunstexperte in San Francesco, die Klarisse sr Thérèse Myriam Chaumont vom Kloster Sainte Colette in Assisi und Jan Frerichs, Mitglied des Dritten Ordens OFS, der mit „barfuss & wild“ Franzikanisch-Christliches mit Keltischem und Schamanischem zu einer neuen Spiritualität verbindet. Als Freelancerin kommt Salome Bonivento hinzu, die seit ein paar Jahren das frühfranziskanische Bergklösterchen La Romita am Franziskusweg zwischen Spoletotal und Terni hütet, sowie die Türschützerin Natascha Wothke, die für Pro Animale im Tesciotal hinter Assisi Tieren ein gutes Alter ermöglicht.
Der Schweizer Kapuziner Br. Niklaus Kuster schlägt als franziskanischer Praktiker und Dozent die Brücke zur Forschung. Diese ist mit Professor Jacques Dalarun, Mediävist in Paris und Herausgeber der französischen Franziskusquellen, und mit dem evangelischen Kirchenhistoriker Professor Volker Leppin, der in Tübingen lehrte und nun an der amerikanischen Yale University wirkt, prominent vertreten. Für spezifische Themen kommen die Mailänder Mediävistin, Professorin Marina Benedetti als Spezialistin für die Waldenser und die israelische Dozentin Dr. Anna Gutgarts, die sich an der Universität Haifa u.a. auf Kreuzzüge spezialisierte, zu Wort.
Die Qualität der Beiträge hängt mit den Kompetenzen der Mitwirkenden zusammen. Die beteiligten Schwestern und die Hüterin der Romita kommen nicht aus der Forschung, sondern sprechen aus der Praxis: leicht verständlich und mit innerer Leidenschaft. Die Professoren fragen nach dem historischen Franziskus und deuten dazu die reichen Quellen im Kontext der damaligen Zeit. Die Forscherinnen aus Mailand und Haifa kennen ihr spezifisches Fachgebiet, ohne jedoch Franziskus fundierter vor Augen zu haben. So ist etwa das Motiv der Martyriumssuche in der Friedensmission des Poverello in Ägypten historisch nicht zu halten: es verdankt sich dem Wunschdenken späterer Biografen. Sr. Ina kann nicht wissen, dass das Refektorium in San Damiano das Gesicht zeigt, das ihm die reformfreudigen Franziskaner gegeben haben, die den Ort ab 1300 bewohnten, ausbauten und jahrhundertelang nutzen (Dasselbe gilt für den sogenannten "coro di santa Chiara", der unmöglich fünfzig Schwestern fasst). Und sœur Thérèse Myriam Chaumont zeigt sich nicht ganz auf der Höhe der Klaraforschung, wenn sie Franziskus noch immer lange Jahre auf Distanz zu Klara sieht. Ebenso abenteuerlich wie fragwürdig sind Spekulationen über die Herkunft der Stigmata, wenn etwa Jan Frerichs phantasiert, möglicherweise habe Franziskus seinen Gefährten Leo gebeten, ihn zu kreuzigen. Wer sich ernsthaft für den Stand der historischen Forschung dazu interessiert, findet diesen in einer Studie gespiegelt, die zum 800-Jahr-Jubiläum jenes Herbstes 1224 auf La Verna erschienen ist. Es reicht, darin unter dem Titel Perspektiven das Fazit auf den letzten Seiten zu lesen:
Die Eingangsfrage des Films lautete: „Kaum ein Mensch des Mittelalters wurde so viel beschrieben, so oft gemalt, immer wieder neu interpretiert – und vereinnahmt! Man kennt ihn. Aber, kennen wir in wirklich? Wer ist Franz von Assisi?“ Die Antwort aus dem Puzzle des ARTE-Beitrags: auch heutige Franziskus-Geschwister, -Freunde und -Forschende haben je eigene Zugänge zum Poverello, die ebenfalls subjektiv gefärbt sind.

