Ranftweg

Franziskus heute - facettenreich aktuell

FA46 Schambeck FranzRadikalWie kraftvoll, facettenreich und aktuell ein Mystiker des hohen Mittelalters in die Gegenwart spricht, zeigt Band 46 der Franziskanischen Akzente. Der Sonderband erschien zu 800 Jahren seit Franziskus‘ Tod. 21 Autorinnen und Autoren interpretieren Grundthemen und Kernanliegen der franziskanischen Spiritualität mit Blick in die heutige Welt. Zwei Franziskanerinnen tun es existenzanalytisch und ein Franziskaner als erfahrener spiritueller Begleiter alltagsbezogen. Martina Kreidler-Kos leitet aus dem geschwisterlichen Zusammenspiel von Franz und Klara Herausforderungen für die katholische Kirche ab, die evangelische Schwester Nicole Grochowina skizziert eine geschwisterliche Ökumene und der Franziskaner Jürgen Neitzertspricht aus seiner Praxis des interreligiösen Brückenbaus. Die Franziskanerin Petra Kappius interpretiert Mission aus ihrer Brasilienerfahrung für heute. Der Kapuziner Thomas Dienberg skizziert eine franziskanisch geprägte Leadership. Elisabeth Wöhrle bietet weitere Perlen ihrer von Franziskus‘ Gebetskunst inspirierten „Theopoesie“. Katharina Ganz zeigt, auf welchen Wegen „Kirchsein demokratisch und synodal“ gelingen kann. Burkhard Hose sieht in Franziskus‘ brüderlichem Pazifismus ein Gegenmodell zu heutigen Kriegstreibern, die auf erschreckende Weise einer „toxischen Männlichkeit“ verhaftet sind. Thomas Freidel und Marie-Catherine Müller blicken als Pilgerseelsorgende in Assisi auf veränderte religiöse und spirituelle Bedürfnisse unter zunehmend kirchenfern Suchenden. Weitere Beiträge zeigen die ökologisch-ökopraktische, die sozial engagierte und die pastorale Dimension der franziskanischen Spiritualität in der Realität unseres Kulturraumes auf. Jan Frerich verdeutlicht einmal mehr, dass die kontemplative Dimension sich auch mit Familie „stadteremitisch“ und engagiert leben lässt. 

Das feine Bändchen spannt das Spektrum des Franziskanischen mit pointierten Beiträgen facettenreich weit: geistvoll, inspirierend, gegenwarts- und alltagsbezogen, mit Bezügen zu grundlegenden Quellentexten und mit Erfahrungen aus dem eigenen Engagement. Es liegt an der Natur eines bunten Puzzles, dass die Vielzahl der Autorinnen – zwölf Frauen und neun Männer – mit ihren je eigenen Sichtweisen auch Spannungsfelder eröffnen. Die Idee, franziskanische Lebenskunst in Spirit und Praxis durch eine Vielzahl kompetenter Autorinnen und Autoren aufscheinen zu lassen, verdient hohe Anerkennung. Der nähere Blick auf die Auswahl kann innerhalb der franziskanischen Familie jedoch auch Fragen aufwerfen: Ist der Erste Orden der Brüder mit einem Minoriten, zwei Kapuzinern und vier Franziskanern vertreten, finden aus der reichen Welt der Schwesternkongregationen nur Sießen (mit drei), Reute (mit zwei) und Oberzell (mit zwei Autorinnen) Raum. Die kleine societas francisci der Herausgeberin kommt gleich mit allen drei Schwestern zu Wort, während der Weltorden nur gerade durch Jan Frerichs vertreten ist und Kontemplation sich durch Klarissen und Klaraschwestern im deutschen Sprachraum ebenso aktuell erschließen ließe. Bis auf einen Autor stammen zudem alle Schreibenden aus Deutschland und Österreich bleibt ganz außen vor, wiewohl auch dort Projekte wie das Shalomkloster von Pupping Innovationskraft zeigen. 200 Seiten bieten einen begrenzten Raum. Der Panoramablick durch die insgesamt 23 kompakten Beiträgen lädt durch seine Auswahl dazu ein, den noch weit größeren Reichtum an aktuellen franziskanischen Antworten auf die Fragen und Sehnsüchte unserer Zeit zu entdecken: an Lebensorten, in neuartigen Netzwerken wie Vivere und in lebenserfahrenen Gemeinschaften des eigenen Umfeldes - über Deutschland hinaus.

Franz von Assisi: Radikal anders. 
Warum es die franziskanische Spiritualität heute braucht
(Franziskanische Akzente 46)
hg. von Mirjam Schambeck, Echter Verlag, Würzburg, 2026, 200 S., 
ISBN: 978-3-429-06873-8