Ranftweg

Auf den Weg nach Betlehem

Das Dezemberheft von TAUZEIT widmet sich "Lesbarem", das nicht geschrieben ist. Die biblische Weihnachtsgeschichte ist eine Botschaft, die durch das Geschehen spricht. Die Franziskanerin Sr. Gielia Degonda fasst das Geschehen in ein tiefsinniges Bild. Es findet sich im Essraum der Ingenbohler Schwestern im Theresianum und wird von ihrer Mitschwester Sr. Imelda Steinegger eingehender betrachtet:

GieliaDegonda Weihnachten light

 

 

V E R B O R G E N 

Hielten Sie sich in letzter Zeit im Bereich eines Warenhauses auf, der entsprechend der Jahreszeit geschmückt war? Haben die golden, silbern und weiss glänzenden Kugeln und Bänder ihren Blick gefangen genommen und beglückend weihnächtliche Stimmung aufkommen lassen?

Mein Blick sucht nicht nur vor Weihnachten, sondern auch das Jahr hindurch Momente, während denen ich das Bild betrachte, das die Künstlerin Gielia Degonda diesem Festbereich zugeschrieben hat und bin stets neu fasziniert. Zarte Rosafarben - eine Rotmischung aus Magenta und Kadmium - ziehen mich an und lassen mich still werden. Mein Blick geht durch waagrechte, parallel verlaufende Hell-Mittel und Dunkel-Schichten von oben nach unten, geht hinunter, immer tiefer bis zu einem kleinen Zeichen im untersten Fünftel des Bildes. Da taucht blau, Himmel auf. Der ist doch blau oder? Aber da sind nur zwei gekreuzte, blaue Linien zu sehen, die eine Art Krippe bilden - oder ist es ein umgestürztes Kreuz? Wird das Kreuz zu Krippe umgedreht? 

Einer hat sich tief hinabgelassen in den mütterliche Erdenschoss, klein und ungeschützt wartend, dass jemand kommt und begreift. Kein fürstlicher Thron, keine goldglänzenden Kissen, nur warmes rötliches Licht, das durch alle Schichten den Weg in diese Erde finden wird. Dieser Gedanke bewegt mich.

Ganz unten hat Einer angefangen, war aber dem Himmel zugehörig, der im obersten Achtel des Bildes zart blau angedeutet wird. Wieder auf dem Weg nach oben, durch eine feine weisse Linie geführt, tauchen beidseitig kleine, blaue Himmelanteile auf, scheinen einen kleinen Spalt dorthin zu öffnen. 

Im obersten Zwölftel ist es hell. Deuten die kleinen, weissen, aufgestellten Quader die heilige Stadt, das neue Jerusalem an? Diese kontrastiert mit dem untersten dunkleren Teil des Bildes, der wie eine grosse Krippe, wie ein zart rötlicher Mutterschoss aufnahmebereit ist. Oben weht eine blaue Fahne - einem Wegweiser ähnlich - über den kleinen weissen Säulen und führt den Blick wieder nach unten zur blauen Krippe. Gehören Himmel und Krippe zusammen? 

Hat der Himmel Platz in der Krippe? Das kleine, blaue Zeichen tief unten im hautähnlichen Rosa spricht ergreifend vom Weihnachtsgeschehen, viel fesselnder als Glanz und Glimmer: 

Einer ist nach unten gegangen, ist einer von uns geworden. Einer ist uns vorangegangen auf dem Weg in den Himmel durch alle Schichten der menschlichen Existenz hindurch – ohne auf Macht zu pochen, nichts vergoldend, einfach nur seinem Gott entgegen.

Sr. Imelda Steinegger