Ranftweg

Jahresbericht des Tauteams 2018/2019

Unser Rückblick auf das jüngste Teamjahr entsteht jenseits der Grenzen: in Ronchamp, wo wir die erste Klausurzeit nach der Sommerpause verbringen. Corbusiers berühmte Kapelle „Notre Dame du Haut“ rechts in der Skizze geniesst Weltruhm. Recht jung ist das Klarissenkloster links, vom italienischen Stararchitekten Renzo Piano in denselben Hügel gebaut und 2011 bezogen. Die Klaraschwestern, die ihr Kloster in Besançon aufgaben und hierher zogen, sind in vielerlei Beziehung eine Er- mutigung. Wir geben diese gerne an alle Interessierten und in unsere Gemeinschaften weiter, bevor wir auf Akzente und Highlights unseres Teamjahres schauen.

I.

Sieben der elf hier lebenden Schwestern haben 2011 ihr altes Kloster in Besançon aufgegeben: Es war als Gebäude zu gross, in der Substanz zu alt, in den Zimmern zu eng, in der Stadt inzwi- schen zu anonym, um eine gute Zukunft zu ermöglichen. In den nahen Vogesenausläufern dagegen lag die Corbusier-Kapelle als Mekka der Architekturfreunde: 1955 erbaut und damals prophetisch, drohte sie ohne Präsenz einer religiösen Gemeinschaft, ohne Liturgie und spirituelle Quellen zu einem blossen Museum zu werden. Was uns an dieser Gemeinschaft und ihrer Antwort auf die Zeichen der Zeit zutiefst beeindruckt:

Sie zeigt eine Alternative zum Rückzug, in dem sich die meisten religiösen Gemeinschaften heute befinden: die Option heisst Aufbruch! Es ist eine Gemeinschaft mit einem reifen Durchschnittsalter, die diesen Aufbruch wagt: eine starke Botschaft! Niemand ist zu alt, um entschlossen Neues wagen zu können! Dabei verlässt diese alte Gemeinschaft alte Geleise und lässt sich auf eine neue Aufgabe ein. Eine Schwester sagte uns, der Wechsel sei kein kleiner Schritt, sondern ein grosser Sprung gewe- sen: erstaunlich für eine kontemplative Gemeinschaft von Schwestern, die sich bei der Profess auf stabilitas loci eingestellt hatten! Sie liessen die «kommt her»-Seelsorge am traditionellen Lebensort hinter sich und entschlossen sich zur Gegenbewegung: «wir gehen hin», an einen Ort, wo heutige Menschen auf moderne Art religiös suchen. Dabei gewannen die Klaraschwestern etwas vom Profil von Klaras San Damiano zurück: Sie setzen sich an einem stillen Ort Menschen aus, oft ganzen Scharen, und machen sich ansprechbar für unterschiedlichste Besucherinnen und Besucher.

Die Gemeinschaft lebt unscheinbar und bescheiden: die Schwestern beten schlicht. Bei der täglichen Liturgie der vielbesuchten Corbusier-Kapelle halten sie die Spannung aus, dass die berühmte Kirche von vielen wie ein Museum besucht wird, auch während der Eucharistiefeier in der offenen Turmkapelle: Glau- bensgemeinschaft in einer Nische! Ein Spiegel für die Kirche von morgen?

Der Wechsel hierher liess die Gemeinschaft fragen, was zum Kern ihrer Berufung gehört und und was aufgebbar ist. Sie unterschied zwischen wertvollem Erbe und unnötigem Ballast. Alte Schwestern legen – ähnlich wie Franziskus von Rom – eine erstaunliche Freiheit des Alters an den Tag. Unser Ehepaar Hächler tat dasselbe beim Sprung von ihrem Familienhaus in Gossau nach Jona in eine Alterswohnung. Apropos Alterslösungen: In Fribourg und in Sarnen fusionieren Schwesterngemeinschaften aus ökonomischen Gründen, um Altersversorgung und Pflege betagter Schwestern sicherzustellen. In Ronchamp leben 7 Schwestern aus Besançon und 4 aus anderen Gemeinschaften zusammen: Fusion und Zusammenziehen, um eine neue Sendung zu erfüllen!

II.

Erfahrungen zu teilen ist einer der schönsten Zwecke der INFAG (Interfranziskanische Arbeitsgruppe). Wir haben euch jedoch auch Rechenschaft abzulegen. Dazu blicken wir kurz auf unsere Angebote und Wege zwischen den Sommern 2018 und 2019 zurück.

Gewichtige Akzente setzten erneut die spezifischen Angebote für die INFAG-CH selbst:
Das 
Adventsgebet im Ranft 2018 lud dazu ein, Gottes überraschende Nähe, wie sie sich an biblischen Orten zeigt, mit Blicken in die eigene Lebenswelt zu verbinden. Dank dem Sammel- bus, den Sr. Tobia Rüttimann ab Ingenbohl or- ganisierte, kamen erneut erfreulich viele Schwestern und Angestellte vom Urnersee in den Ranft. Die grosse Ranftkirche füllte sich wie jedes Jahr mit über 130 Pilgernden.

Die offene franziskanische Tagung fand erstmals am 2. Februar im Mattli statt. Sie verlief begeisternd und überraschend, indem sie am „Tag des geweihten Lebens“ die evangelischen Räte für alle Lebensformen deutete. Laien, Schwestern und Brüder erlebten gemeinsame Quellen und ein Fest der Geschwisterlichkeit.

Der Pilgerweg ab Stans, Sachseln oder Flüeli in den Ranft galt im Mai dem Jubiläum 1219- 2019: Die Begegnung von Franziskus mit Sultan al-Kāmil ermutigt dazu, im Miteinander der Religionen die Chancen zu sehen. Wahrscheinlich erklangen in der oberen Ranftkapelle erstmals eine Sure und Perlen der Sufimystik. Das lebendige gemeinsame Schöpfen aus der Bibel begeisterte eine Hegner Schwester aus Schwaben. Ein ähnlich geschwisterliches und kreatives Feiern sei in einer öffentlichen Kirche Deutschlands kaum vorstellbar. Lasst uns in Erinnerung rufen, dass unser Ranfttag im Frühling seit zwei Jahren einen dritten Weg für Bedächtige und Betagte anbietet, der vom Dorf Flüeli besinnlich in den Ranft führt.

Die Bigorio-Tagung im Frühsommer spiegelte erneut vital und offen, wie bunt unsere franziskanische Schweiz ist: vier Schwestern aus allen grossen Kongregationen, vier Brüder, Familienleute und Singles aus FG und neuen Kreisen, dazu ein Muslim, eine evangelische Frau, ein Altlandammann als Politiker und Mauro Jöhri als langjähriger Generalminister der Kapuziner zeigten sich angetan und beeindruckt von der Qualität des Teilens und Vertiefens: Franziskanischer Geist als Inspirationsquelle in der modernen Welt. Die Tagung bietet ein hohes Niveau an Auseinandersetzung und bleibt zugleich unakademisch, leicht verständlich. Der INFAG-Support von CHF 1000.- ermöglichte es uns, mitwirkenden Gästen Logis und Reisespesen zu vergüten.

Brandaktuelle Themen wie die Erneuerung der Kirche (Papst Franziskus), Klimadebatte und interreligiöses Miteinander liessen Nadia, Patrick und Niklaus zahlreiche Vorträge halten.

Intensiverfahrungen bieten franziskanische Exerzitien: neben der Herbstwoche auf Monteluco bei Assisi etabliert sich die Sommerwoche in Bigorio. Die beiden Studienwochen in Assisi und Prag nutzten auch reifere Seelsorger und selbst die Generaloberin der Franziskanerinnen von Vierzehnheiligen. Franziskanische Reisen vermittelten erneut in Padua, Assisi und Rom unseren ureigenen Geist an den Quellgründen unserer Geschichte.

In der Redaktion für die Tauzeit feierten wir den 20. vollen Jahrgang. Die grosse Zahl an Autoren und Autorinnen erweitert sich laufend, und wir danken allen von euch, die spezifisch für die INFAG-Seiten zur Feder greifen. Schüchternen leisten wir gerne auch künftig Support! Das jährlich vom Tauteam gestaltete ITE-Heft legen wir euch an der GV auf.

Klausurzeiten in Gemeinschaften halten uns in Tuchfühlung zur bunten INFAG-Realität. Wir danken für eure beherzte Gastfreundschaft!

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