Ranftweg

Ranftweg - mit Franziskus und Sultan al-Kāmil

Die Begegnung zwischen Franz von Assisi und dem Sultan, der als Neffe des grossen Saladin Macht über das Heilige Land hatte, bewegt weiter: An Pfingsten 2019 sind es genau 800 Jahre her, dass der Poverello sich auf den Weg in den Orient machte. Nach der Tagung von Anfang Februar, die das Thema "Brückenbau" auf Herausforderungen der heutigen Welt bezog, hat das besinnliche Pilgern in den Ranft sich von "Inshallah" anregen lassen. Die Impulse dieses Weges, der Franziskus' Gang zum Sultan nachspürte, geben wir hier gerne weiter.

Ranftweg Sachseln2019 GruppePatrickWie auf diesem Bild der Gruppe, die auf den Visionenweg ab Sachseln ins Flüeli kam, sind (unten) auch auf dem längeren Bruderklausenweg ab Stans die Tagesrucksäcke regensicher verpackt. Trotz nasser Prognosen blieben die Schirme allerdings bis zur Ankunft im Ranft meist geschlossen.

 

Ranftweg2019 Betanien

Das Thema dieses Weges lautete:

Inshallah – „Dein Wille geschehe“
Mit Franziskus dem Fremden trauen

Die Impulse von unterwegs lassen sich jederzeit auch auf anderen Besinnungswegen, in franziskanischen Gruppen oder auch für sich persönlich bewegen:

pdfImpulse zur Friedensmission von Franziskus in Ägypten - Quellenblatt des Ranftweges

Ranft Blumenkreuz2019

Im Ranft fanden wir ein österliches Kreuz vor: in der Karfreitagsliturgie haben Mitfeiernde Steine in die Leerform gelegt - und damit Steiniges, Drückendes und Bedrohliches im eigenen Leben und im Weltgeschehen. Jetzt blühen Blumen da, wo vorher Steine lagen!

St.Klara Stans INFAG Tauteam 2019Apr2Blumen auch im Garten des Klosters St. Klara, wo wir uns in der vierten Klausurzeit dieses Jahres auf den Ranftweg, die Bigoriotagung, "Reisen mit Tiefe und Weite" und die Herausforderungen des Sommers einstellten.

Die gemeinsame Feier in der Oberen Ranftkapelle hat interreligiös hoffnungsvolle Horizonte eröffnet. Das Angelusläuten, für das die Jüngste im Kreis ans Glockenseil ging, erinnerte daran, dass diese christliche Tradition auf Franziskus zurückgeht: beeindruckt vom fünfmaligen Beten der Muslime im Alltag regte er 1221 ein öffentliches Gebetszeichen überall auf Erden an. Franziskaner setzten die Idee um. So wurde der Ruf des Muezzins zum Ursprung einer katholischen Tradition, die bis heute in ganz Europa hörbar bleibt.

Verbunden mit allen betenden Menschen auf Erden hörten wir eingangs dieser Feier die erste Sure, al-Fātiḥa, um uns selbst dann mit dem Lied KG 45 von Christus eingeladen zu wissen.

pdfSure 1 - al-Fātiḥa (mit Übersetzung)

Am Ende der Feier hörten wir uns das Gebet eines Sufimystikers an, der in Franziskus' Jahrhundert lebte: 

Es atmet eine Hoffnung ohne Grenzen, wie sie auch Franziskus in seinem Brief an die Lenker der Völker und alle Menschen zum Ausdruck bringt.

Das Gedicht von Yunus Emre lautet in der Übersetzung von Annemarie Schimmel:

Mit Bergen und mit Steinen auch (...)
Mit Vögeln früh im Morgenhauch (...)
Mit Fischen in des Wassers Grund,
Gazellen in der Wüste rund (...),

Mit Jesus hoch im Himmelsland,
Mit Moses an des Berges Rand,
Mit diesem Stab in meiner Hand
Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!

Mit Hiob, der vor Schmerz versteint,
Mit Jakob, dessen Auge weint,
Und mit Muhammad, Deinem Freund,
Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!

Mit Dank und Preis und Lobeswort,
Mit "Gott ist Einer", höchstem Hort,
Barhäuptig, barfuß, immerfort
Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!

Mit lesend frommer Zungen Hallen,
Mit Turteltauben, Nachtigallen,
Mit denen, die Gott lieben, allen
Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!

 

Den Ursprung des Angelus-Gebets hat der Kapuziner Br. Gebhard Kurmann wie folgt zusammengefasst:

Der „Angelus“ ist indirekt eine Frucht seiner prophetischen Begegnung 
mit dem Sultan al Kâmil

In unserer Kirche ist es Brauch, dreimal am Tag die ‚Angelus’ - Glocke zu läuten, welche zu einem kurzen Gebet einlädt. Dieser Brauch hat eine lange Tradition. Sein Ursprung liegt in der jüdischen Gebetskultur: „Ich preise dich siebenmal am Tag.“ (Ps.119). Über die Wüstenväter ist sie zur Gebetspraxis von syrischen Mönchen geworden, die zu bestimmten Tages- und Nachtzeiten ihr ‚officium’ beteten. Vermutlich kannte Mohammed diese Praxis und hat wohl deshalb im Koran seinen Gläubigen fünfmal täglich ein Pflichtgebet (salât) vorgeschrieben, zu dem der Muezzin aufrufen soll.

Als das christliche Heer bei Damiette gegen die Sarazenen kämpfte, begab sich Franz von Assisi 1219 in friedensstiftender Absicht zum Sultan Malik al-Kâmil. Nach seiner Rückkehr (1220/21) schrieb er an die Lenker der Völker: „Lasst Gottes Gegenwart in Eurem Volk alltäglich bewusst werden, indem Ihr jeden Abend durch ein Zei­chen alle aufruft, Gott dem Allerhöchsten Lob und Dank zu bringen.“ Damit knüpfte er an den Gebetsruf des Muezzins an. Die Franziskaner haben diese Idee verbreitet und der Papst hat 1571 diesen Brauch in der ganzen Kirche eingeführt. Beim Läuten einer ‚Bätt-glogge’ wurden die Gläubigen dreimal am Tag eingeladen, den ‚Angelus’ zu beten.

Franziskus hat aus seiner Islamerfahrung eine Tradition inspiriert, die uns bis heute über kulturelle und konfessionelle Grenzen hinaus verbindet. Was könnte uns denn besser helfen, als wenn Menschen unterschiedlichen Glaubens täglich auf ein „Zeichen“ hin zu ihrem Gott beten und ihm „Lob und Dank“ bringen?

(Br. Gebhard Kurmann)