Sternstunde Religion
Spiritualität - naturreligiös und franziskanisch
"Gibt es Spiritualität ohne Religion?" Die Frage fiel in der Sternstunde Religion des Schweizer Fernsehens vom 26. April. Gisula Tscharner beantwortete sie naturreligiös. Die Theologin und reformierte Pfarrerin hat ihre Kirche mit 49 verlassen und wirkt seither als "wilde Frau" und ritualkundige Seeslorgerin: kreativ, innovativ und mit tiefem Vertrauen in die göttliche Mutter Erde. Br. Niklaus Kuster trug das passende T-Shirt dazu: je tiefer der Baum sich im Boden verwurzle, desto weiter könne er seine Äste spannen und umso höher in den Himmel wachsen (Bild). Seine Antwort auf die Frage nach Spiritualität und Religion fiel allerdings franziskanisch aus: "Spiritualität heisst praktisch Leben mit Tiefe und Weite" - und in der jüdisch-christlichen Erfahrung ist "Schwester Mutter Erde" ihrerseits Geschöpf, und das mütterlich Göttliche findet sich "über uns".
Während die ehemalige Pfarrerin sich aus dem zu engen Kleid der (ihrer) Kirche befreit und zu einer offeneren Religiosität gefunden hat, ist der Franziskaner seiner Kirche dankbar: einerseits für die Glaubensgemeinschaft, andererseits für den spirituellen Erfahrungsschatz von unzähligen jüdisch-christlichen Generationen - wobei der Kirchengeschichtler wach zwischen gesundem und ungesundem Erbe unterscheidet. Während Gisula Tscharner zu einem namenlosen Geheimnis betet, spricht Bruder Niklaus in seinen Gebeten, Liedern und Tänzen ein göttliches DU an. Ein dreifaches DU: ein väterlich-mütterliches DU über allem, das den Überblick wahrt über die Welt- und über Lebensgeschichten; ein brüderlich-freundschaftliches DU mit Menschen, die sich zu zweit oder dritt oder in Kreis versammeln, um das Wort zu hören, das Brot zu brechen oder menschlicher Not zu begegnen; ein zutiefst innerliches DU, das als Liebe, Weisheit und Kraft in jedem Menschen und in der Welt wirkt. Gisula Tscharner spricht für eine wachsende Bevölkerungsgruppe in der Schweiz, die sich von den grossen Kirchen abwendet. Niklaus Kuster zeigt sich im Schlusswort vertrauensvoll, dass "echt religiöse Menschen" sich finden und verständigen. Die Sternstunde war ein Zeichen dafür - mit Respekt und Verbundenheit in allen Unterschieden.
Die halbstündige Sendung ist nach wie vor anzuschauen auf Youtube: Sternstunde Religion vom 26. April 2016


