Assisi - erfrischend spirituell
Eine spezielle Assisiwoche eröffnet unser Reisejahr - und erfüllt das Versprechen, dass wir "Reisen mit Tiefe und Weite" anbieten, auf begeisternde Art. Br. Niklaus Kuster hat vom 16.-21. März eine Studien- und Erfahungswoche des Spiritualitätsinstitutes Münster nach Umbrien begleitet. Die Teilnehmenden sind Seelsorgende und Caritas-Mitarbeitende. Auch Verantwortliche aus den Bistumsleitungen von Freiburg, Limburg und Osnabrück waren beteiligt, ebenso Ordensleute - je ein Karmelit, ein Minorit, ein Benediktiner und ein Dominikaner. Die Tage eröffneten selbst Assisi-Kennern ungewöhnliche Zugänge zur Stadt von Franziskus und Klara - und zu ihrer Spiritualität.
Vorfrühlingstage luden dazu ein, mit wachem Gehör für die Gefährtenberichte aus dem 13. Jahrhundert jenen Wegen nachzugehen, die Franziskus und Klara schrittweise eine erfrischend neue Spiritualität erschlossen haben. Franziskus steigt im Frühjahr 1206 aus der Stadt aus, um sie fortan prophetisch herauszufordern. Im Frühling 1208 erhält er seine ersten Gefährten, und im April 1211 weitet Klaras Flucht aus dem Wohnturm die neue Bewegung aus und verleiht ihr geschwisterliche Farben.
Fasziniert entdecken die Spurensuchenden in der Stadt und vor ihren Mauern, in San Masseo und San Damiano, schweigend unterwegs zu den Carceri und auf den Etappen von Klaras Odyssee, wo die beiden grossen Heiligen zu sich selber fanden, Gottes Nähe neu entdeckten und sich in der Nachfolge der Apostel und der Freundinnen Jesu in den Dienst der Menschen stellten. Jede Spiritualität hat auch ihre Geografie - und sich von ihren Orten ansprechen zu lassen, wurde zur Chance der besonderen Studienwoche.
Der denkwürdige Auftritt von Papst Franziskus letzten Herbst im "Saal der Entkleidung" weckte in verschiedenen den Wunsch, diesen Ort im Innern der Bischofsresidenz aufzusuchen. Der Papst sprach am 4. Oktober 2013 in einem kleinen Saal des mittelalterlichen Palastes, wo Franziskus sich im Tribunal vor Bischof Guido I. seiner Kleider entledigt haben soll, von der aktuell notwendigen Entkleidung der Kirche. Nicht nur in der Römischen Kurie und in Bischofshäusern, sondern in allen Kreisen der Kirche stelle sich die Frage, was wir ablegen sollen, um dem "armen Christus" zu folgen: Privilegien, Haltungen, Traditionen, Macht, Reichtum, Eigeninteressen, vielfältige Arten von Ballast und Unfreiheit.
Auch in Assisi warten berührende Orte. Ein junger Minorit, der ein halbes Jahr in der Stadt studiert hat, steht zum ersten Mal vor dem mittelalterlichen Babyfenster Assisis: wenige Schritte ausserhalb des inneren Stadttores, unweit der heutigen Ladenmeile zwischen Hauptplatz und Franziskuskirche, gab der Ort dem stillen Gässchen den Namen "Vicolo degli Esposti" (Gasse der Ausgesetzten). Hierhin kamen über Generationen ledige Mütter in Not, vom Hausherrn schwangere Mädge, Alleinerziehende oder verarmte Mütter bei Nacht und Nebel, um Neugeborene oder kleine Kinder einer Gemeinschaft von Schwestern anzuvertrauen. Franziskus entdeckt die Schattenseiten seiner Stadt erst, als eigene Krisenerfahrungen ihm Assisi farblos erscheinen liess.
Auch die kleine Kapelle San Lazzaro wird kaum je von Assisireisenden besucht und erlebt. Sie hiess zur Zeit des Franziskus noch Santa Maddalena und war das kirchliche Zuhause der Aussätzigen, die aus der Stadt verbannt und sozial für tot erklärt wurden. Nicht zufällig liegt sie unterhalb der Stadt an derselben Strasse wie San Masseo. In der Krypta des kleinen Benediktiner-Priorats fand Franziskus Stille und sich selbst. Draussen in der Ebene fand er Menschen im Elend und den Nächsten. Selbst- und Nächstenliebe haben ihre Orte, ihre Zeit und ihren Reichtum, umso mehr, wenn sie sich an derselben steinigen Strasse (Via Petrosa) verbinden.

