Tagsatzung im Kloster Rapperswil
Franziskus und der Papst
Was können Reformbewegungen im 21. Jahrhundert
von Franziskus lernen?
Mit dieser Frage befasst sich der Verein tagsatzung.ch am 4. Januar 2014 an einer Tagung im Kapuzinerkloster Rapperswil. Es ging dabei auch um einen Vergleich des Heiligen von Assisi mit dem Papst, der seinen Namen angenommen hat. Der Verein setzt sich für Reformen in der Kirche ein. An der Veranstaltung nahmen rund 60 Personen und 30 Gäste teil.
Papst Franziskus sei ein Mensch unter Menschen, betonte Niklaus Kuster, Spezialist für franziskanische Spiritualität, am Anfang seines Referates, das im Mittelpunkt der Tagung stand. Sein «Stilwechsel » habe in der Kirche ein ganz neues Klima geschaffen. Mit den folgenden Stichworten skizzierte der Kapuzinerbruder Niklaus Kuster das Neue, das der Papst aus Lateinamerika in die Weltkirche hineingebracht hat: «Christliche Praxis vor feinsinniger Theologie; berührende Zeichen statt brillante Reden; geschwisterlich statt väterlich; mitmenschlich statt meisterlich, pilgerndes Volk statt heilige Monarchie». Vor allem auch in seiner vielfach praktizierten Zuwendung zu den Ärmsten und zu den Ausgestossenen folge Papst Franziskus seinem grossen Vorbild aus Assisi.
Wie der Heilige Franz liebevoll Aussätzige umarmt habe, so habe der Papst kürzlich einen völlig verunstalteten Mann in die Arme genommen. Kuster merkte an, Franziskus von Assisi habe die damalige Kirche nicht im Alleingang reformiert. Vielmehr habe er nachhaltige Breitenwirkung erreicht, weil Tausende von Brüdern und Schwestern sowie eine breite Laienbewegung das franziskanische Ideal mitten im eigenen Alltag umsetzten. Wie damals geschehe auch heute die Erneuerung der Kirche «multiplikatorisch und lebenspraktisch»: «Wer auf eine Kirchenreform hofft, trägt das Beste zu ihrem Gelingen bei, wenn er oder sie sich in allen Bereichen sich vom Evangelium bewegen lässt.» In seinem Referat illustrierte Niklaus Kuster, wie Franz von Assisi sich nicht in allem an den Vorgaben der Kirchenleitung ausrichtete. Er habe zwar den Ruf, «durchaus katholisch» zu sein. Doch in manchem sei er von der offiziellen Linie abgewichen. So habe er mit seiner Friedensmission beim Sultan von Ägypten die päpstliche Politik unterlaufen. Dem mächtigsten Kardinal seiner Zeit habe er beispielsweise in der Ämterfrage offen widersprochen. Ebenso habe er sich mit der «Frauenkirche» der heiligen Klara gegen die Vorstellungen des Papstes verbündet. Dies zeige, dass kirchliche Reformen nicht unbedingt mit blindem Gehorsam vereinbar sind. Eine Vorstellung, der Franziskus von Rom kaum widerspricht.
Walter Ludin/Kipa (8. Januar 2014)




