Ranftweg

besinnlich werden - kreativ feiern

Schlegel Verwandlung LiturgieVolksaltar, deutschsprachiges Stundengebet und Krankensalbung gehören zu den sichtbarsten Zeichen der Liturgiereform, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil vor bald sechzig Jahren in der katholischen Weltkirche anstieß. Ihr Ziel lag darin, Gottesdienste und Sakramente gemeinschaftlicher, verständlicher und lebensnaher zu feiern. Die Herausforderung bleibt, da sich die Gesellschaft und die Lebenskultur verändern: Feste Rituale und unveränderliche liturgische Formen sind neuen Generationen und kirchenfernen Menschen erneut fremd geworden. Eine einseitig männliche Sprache befremdet moderne Frauen und die Wortlastigkeit liturgischer Formulare ist innerer Sammlung hinderlich. Helmut Schlegel schöpft aus reicher Erfahrung im Begleiten heutiger Menschen und im Gestalten meditativ-ganzheitlicher Feiern. Der 77-jährige Franziskaner leitete das Frankfurter «Zentrum für christliche Meditation und Spiritualität» und wirkt heute im «franziskanischen Zentrum für Stille und Begegnung» in Hofheim am Taunus. In zwei schlanken Bänden reicht er gleichsam die Regie- und Textblätter von vier Dutzend meditativer und kreativ-sinnenfreudiger Gottesdienst weiter, die sich im geschwisterlichen Gestalten bewährt haben. Nicht Kreativität um jeden Preis ist ihr Ziel, sondern das besinnliche, lebensnahe und gemeinsame Feiern: verständlich, meditativ und ganzheitlich.

«Mitten unter euch...» hat die Advents- und Weihnachtszeit im Blick. Achtzehn Gottesdienste verbinden Vertrautes mit Neuem und Bergendes mit Bewegendem. Schauende, hörende, riechende, schmeckende und spürende Sinnlichkeit soll zu innerlichem und gemeinsamem Berührtsein führen. Die Realität der Welt und eigene Sehnsucht fließen gleichermaßen ins Feiern ein, das typisch franziskanisch nie weltflüchtig sein darf, und Gottes Nähe soll sowohl in der gemeinsamen Mitte wie in der eigenen Tiefe erfahrbar werden. So bezieht der erste Adventsgottesdienst zum Thema «Wie Weihrauch steige mein Gebet vor dir auf» neben den würzigen Harzkörnern aus dem Orient, Adventskranz, Früchten und Gewürzen auch eine Mülltonne ins Feiern ein: Sowohl Propheten Israels wie Jesus sprechen an, was auf Erden zum Himmel stinkt. Zu dieser Feier gehört auch ein «Nasengebet», das den Duft des Lebens wahrnimmt. Weitere Adventsfeiern geben auch Träumen Raum, feiern Eucharistie mit einem Lichterlabyrinth und laden zu Stationenwegen mit Barbara, Lucia und Nikolaus sowie mit biblischen Propheten. Vier Gottesdienste sind Weihnachten gewidmet. Sieben begleiten vom Stephanustag über den Jahreswechsel bis zur Taufe Jesu und gipfeln in der Darstellung des Herrn am Lichterfest des 2. Februar. Die einzelnen Liturgieideen lassen sich integral umsetzen oder als Sammlung inspirierender Ideen nutzen. So wird etwa am Heiligabend der Adventskranz nicht einfach entsorgt, sondern seine vier Kerzen in das weite Rund der Feiernden gestellt, um die vier Himmelsrichtungen zu bezeichnen, in die der Weihnachtsfriede zu «allen Menschen auf Erden» finden will.

HelmutSchlegel Liturgie AdventOstern

Geht es in der Advents- und Weihnachtszeit um die neue Erfahrung von Gottes Zuwendung, das feine Wirken seiner Geistkraft und das eigene Aufbrechen mit dem menschgewordenen Gottessohn, will die österliche Vorbereitungs- und Festzeit vielfältig «Verwandlung feiern». Gleich drei Liturgieskizzen widmen sich dem Aschermittwoch: «Wie Phönix aus der Asche» verbindet eine ägyptisch-griechische Sage des Altertums mit dem Ascheritual der Kirche und der Mystik von Meister Eckhard. «In Sack und Asche» lässt eine jüdische Geschichte aus der Perserzeit in heutige Erfahrungen von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sprechen. Gottesdienstskizzen lassen an den fünf Sonntagen der Fastenzeit der eigenen Versuchbarkeit nachspüren, mit Spiegeln zur Verwandlung ermutigen, Weihrauch als «Goldkörner des Herzens» deuten und auf heutige Prophet*innen schauen, zu denen Joshua Wong, Greta Thunberg und Alexej Navalny gehören. Eine tiefsinnige Umkehrfeier, ein «solidarisches Nachtgebet» und eine «Passion der Frauen» stimmen ebenso auf Ostern ein wie eine Gründonnerstagfeier an einem langen weissgedeckten Tisch. Zwei Skizzen für Himmelfahrt und Pfingsten runden den Zyklus ab, in dem sich neue Rituale, klassische und moderne Musik sowie Bildbetrachtungen mit Texten von Martin Luther King, Huub Oosterhuis, Dorothee Sölle und Jacqueline Keune verbinden. Der Autor des Buches ist selber Dichter und Komponist neuer religiöser Lieder, und sein feines Gespür für eine geschlechtergerechte und zeitgemäße Sprache spricht auch aus den Einführungen, Betrachtungen und Segenstexten.

Die beiden Bände in der Reihe «Konkrete Liturgie» können all jene ermutigen und inspirieren, die in Pfarrgemeinden und Gemeinschaften Gottesdienste mit dem aktuellen Weltgeschehen und der Lebensrealität heutiger Menschen verbinden wollen. Sie Skizzen lassen sich integral anwenden, sind auf eigene Kreise adaptierbar und bieten eine reiche Auswahl von Bausteinen, die sich auch einzeln in vertraute oder eigenkreative Feiern integrieren lassen.

Helmut Schlegel:
Mitten unter euch.... Kreativ Gottesdienst feiern in der Advents- und Weihnachtszeit,
(Friedrich Pustet) Regensburg 2020, ISBN: 978-3-7917-3207-7

Helmut Schlegel:
Verwandlung feiern. Kreative Gottesdienste in der Fasten- und Osterzeit,
(Friedrich Pustet) Regensburg 2021, ISBN: 978-3-7917-3240-4

Empfehlung durch Br. Niklaus Kuster