Ranftweg

Antonius von Padua - in Tradition und Rekonstruktion (2)

Auch Nicht-Geschriebenes ist zu lesen! Das Dezemberheft von TAUZEIT trägt den Titel "Liebe - in die Welt geschrieben". Die Schöpfung ist ein Lied: Die Siessener Schwestern haben dazu den "Sonnengesang" in ihrem Franziskusgarten sinnlich erlebbar und begehbar gemacht. Unsere Berge erzählen von Millionen Jahre Geschichte, unsere Dörfer von Jahrhunderten und Jahrzehnten des Wandels, die Landschaften Galiläas und Judäas lassen sich als "Fünftes Evangelium" lesen! 

Zur Zeitschrift TAUZEIT

AntoniusPadua Rekonstruktion3Und Antonius' Gebeine erlauben es, kriminaltechnisch untersucht, das mögliche Aussehen des grossen Wanderpredigers zu rekonstruieren. Klaus Renggli schreibt dazu einen Artikel, die wir hier im vollen Umfang zugänglich machen: Im Heft war nur für eine gekürzte Version Platz - und für nur eines der beiden Fotos der unterschiedlichen Rekonstruktionsversuche.

 

"Tauzeit" Nr. 87 - Dezember 2020

Der Beitrag von Br. Klaus Renggli in voller Länge:

 

Sein Gesicht möchte ich sehen

Antonius von Padua in Tradition und Rekonstruktion

Wenn ich einen Roman lese oder eine Biografie studiere, mache ich mir spontan Gedanken, wie die Person wohl aussehen könnte, was ihr Gesicht widerspiegelt und wie ihre Gesten sind. Das so entstandene Bild ist natürlich geprägt von meinen subjektiven Eindrücken, Vorstellungen und Fantasien, und entspricht kaum der Wirklichkeit. Das gilt ebenfalls für einen Künstler, der einen Heiligen darstellen soll. So haben wir zum Beispiel ganze Bildergalerien von Franz von Assisi. Die Darstellungen des Poverello unterscheiden sich kontrastvoll, obwohl der erste Biograph, Thomas von Celano, in seiner ersten Lebensbeschreibung in Worten genau festhielt, wie der heilige Franz ausgesehen hat. Aber wie vielfältig wurde er und wird er bis heute dargestellt! 

Einem Künstler wird meistens von seinem Auftraggeber vorgeschrieben, welche Haltung, welche Mimik, welcher Ausdruck der darzustellenden Persönlichkeit er betonen soll. Die Kirchenleute liessen daher ihre Heiligen besonders oft in einem guten Licht, in einer tugendhaften oder einer süssfrommen Haltung erscheinen. Daher ähneln sich die Bilder von Heiligen so sehr.

Was wir über künstlerische Darstellungen von Franziskus sagen können, gilt noch viel mehr von seinem ebenso populären Gefährten Antonius von Padua. Als Redaktor der Zeitschrift „Franziskanische Botschaft“ musste ich über dreissig Jahre lang für jede der sechs jährlichen Ausgaben ein neues Bild des Volksheiligen suchen, um die Rubrik „Seite des hl. Antonius“ zu füllen. Ich versuchte, möglichst viele unterschiedliche Darstellungen aus acht Jahrhunderten zu veröffentlichen. Ich bin überzeugt, dass keines dieser vielen Bilder das wahre Gesicht des heiligen Antonius wiedergeben kann.

Das Grab des heiligen Antonius befindet sich in der Basilika von Padua, und zwar seit 1350 an einem Seitenaltar, in der sogenannten Grabkapelle. Zweimal hat man seinen Sarg geöffnet, um die Echtheit der sterblichen Überreste zu prüfen. Das erste Mal ordnete der damalige General Bonaventura 1263 bei der Umbettung in die neu errichtete Basilika die Rekognoszierung an. Dabei fand man seine unversehrte Zunge. Die Echtheit der Reliquien wurde seitdem kaum mehr bezweifelt. 750 Jahre nach dem Tod von Antonius, 1981, also vor kaum dreissig Jahren, wurde eine neue, sehr gründliche Untersuchung der Reliquien durchgeführt. Zwei Kommissionen wurden vom Vatikan zu diesem Zweck ernannt, eine religiöse und eine technische-wissenschaftliche. Der Ablauf wurde genau beobachtet und minutiös dokumentiert. Der grosse Sarg aus Fichtenholz hinter der Seitenplatte des Sarkophags enthielt eine kleinere Kiste in der sich, schön unterteilt, das Skelett, sein Ordensgewand und das restliche, im Laufe der Zeit zerfallene organische Material befand. Die Rekognoszierung von 1981 ermöglichte genaue Untersuchungen historischer, technisch-künstlerischer, anthropologischer und medizinischer Art des gesamten vorgefundenen Materials. 

An Hand der sterblichen Überreste haben dir Experten Folgendes festgestellt: Der heilige Antonius war ziemlich gross, circa 171 cm, zu einer Zeit, als die Durchschnittsgrösse von Männern bei 163-163 cm lag, mittelmässig robust, ein guter Läufer mit starken Beinen. Weiter heisst es: Er hatte eine längliche, gemässigt breite Kopfform, eine beachtliche Schädelkapazität, ein markantes, starkes und leicht quadratisches Kinn, das nicht sehr hervorstehend war, eine schmale Nase, tief liegende Augen und schwarze Haare. Festgestellt wurde ebenfalls, dass er an Wassersucht litt.

Auf der Basis dieser Erkenntnisse aus der Untersuchung des Skeletts gelang es in der Mitte der 1980er Jahre, eine Bronzebüste von Antonius anzufertigen. Und was kam heraus? Das hagere, knochige Gesicht entspricht in keiner Weise den Bildern, von denen man beteuert, sie würden dem wirklichen Antonius sehr ähneln. Das wird vor allem von einem Fresko in der Basilika behauptet, welches sich in einem Bogen des Chores befindet und daher von den Besuchern kaum wahrgenommen wird. Das Entstehungsjahr und der Künstler dieses Bildes sind unbekannt. Es könnte um das Jahr 1320 von einem Schüler Giottos stammen. Beim Anblick der 1985 neu erstellte Büste waren vor allem viele Gläubige, die den hl. Antonius besonders verehren, entsetzt. (Bild oben).

AntoniusPadua Rekonstruktion4Dann folgte vor einigen Jahren eine weitere Arbeit, um möglichst genau herauszufinden, wie der Heilige in Wirklichkeit ausgesehen hat. Dieses Unterfangen wurde von Fachleuten aus Brasilien und Italien vorgenommen. Cicero Moraes, ein Experte in der forensischen Anthropologie der Universität San Paolo leitete die Arbeiten. Viele Fachleute aus der Universität Padua und der Umgebung waren daran beteiligt. Sie erstellten ein 3-D-Bild des heiligen Antonius. Das brauchte nicht allzu viele Daten, damit der Gesichtsausdruck entstand. Es zeigte ein bärtiges Gesicht, leicht pausbackig, fleischige Lippen, olivgrünliche Haut, tiefliegende, braune Auge, schwarze Haare, normaler, lebendiger, lächelnder Gesichtsausdruck.

Dieses neue Gesicht bringt das klassische Bild des Heiligen durcheinander. Es reinigt ihn von allen kulturellen und religiösen Vorstellungen, die im Laufe der Jahrhunderte hinzukamen. Diese wurden natürlich in einer gutgemeinten, meist religiös überhöhten Absicht hinzugefügt. Diese neu rekonstruierte Darstellung nahm vom Gesicht des heiligen Antonius alles weg, was wir darin lesen wollten. Es zeigt uns zuverlässig ein Gesicht, wie es wirklich war und nicht, wie wir es gerne hätten. 

Ist das nun der wirkliche, echte, wahre Antonius? Persönlich denke ich, dass wir das nicht absolut behaupten können. Wahrscheinlich kommt diese Darstellung sehr nahe an das eigentliche Gesicht heran. Aber eine endgültige Sicherheit haben wir nicht. Das ist auch nicht wichtig. Wir sollten uns nicht aufhalten an diesen kleinlichen, äusseren Dingen. Wie leicht gleitet man in die Gefahr des Aberglaubens ab und erwartet von den Reliquien Schutz und Halt für unser Leben. Dabei vergisst man leicht das Wesentliche, nämlich was uns Antonius neben dem, was wir jetzt aus seinen Gesichtszügen lesen können, sagt. Sein Leben und sein Wirken sprechen da eine klare Sprache. Er ist und bleibt eine Person, die das Evangelium nicht nur gut kannte, sondern vor allem auch lebte. Seine Sorge um die Entrechteten und Armen zeigt, wie er die Botschaft Jesu klar als Auftrag zum sozialen Einsatz für den Menschen nebenan erkannte und ihn in die Tat umsetzte.

Klaus Renggli